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Ist Quantität die neue Qualität?

geschrieben am 02.08.2010 um 08:00 von Martin Benkovics in der Kategorie Allgemein, Internet, PR
Martin Benkovics

Dieses Wochenende mache ich eine Grill-Party und lade mir 88.320 Freunde ein. Warum ich so viele einlade? Erstens geht das über Social Media Kanäle sooo einfach und zweitens kommen dann wenigstens … drei. So oder so ähnlich kommen mir die Social-Media-Marketing-Aktionen mancher Firmen vor. Mir ist klar, dass je mehr „Freunde” mir „folgen”, oh das war Twitter, also mein Freund sein möchten, umso mehr Menschen kann ich etwas mitteilen. Aber, wieso verwechseln die meisten Äpfel mit Birnen?

Zahlen. Das Messen von Ergebnissen erfolgt ausschließlich über Zahlen – Umsatz, Kunden-Kontakte, Besucher des Geschäftes, Gäste im Restaurant, …
Das ist prinzipiell in Ordnung und funktioniert auch nicht anders. Denn Zahlen können, wenn man ehrlich damit umgeht, nicht „gebogen” werden. Allerdings kann man mit Zahlen sehr wohl in eine bestimmte Richtung argumentieren.

Klicker / pixelio.de

Viele Menschen mit einzelnen Bedürfnissen. Bild: Klicker / pixelio.de

„Tritt mit mehr als 500 Millionen potenziellen Kunden in Verbindung!” – Copyright Facebook.
Das kann doch wohl nur ein Scherz sein.
Ich habe einen Freund, der heißt Toni, ist alleinstehend und hat keine Kinder. Mein lieber Freund Toni liebt Kaiserschmarren, Motorräder, AC/DC und hat vier Facebook Accounts. Wieso soll Toni für Windeln eine interessante Zielgruppe sein? Denn mit seinen vier Accounts ist Toni alleine schon eine „Gruppe”.

Noch ein Zahlen-Beispiel: Wien auf Facebook
Wien hat, während ich diesen Blog-Eintrag verfasse, 88.320 Fans. Ist das viel?
Wien hat ca. 1,7 Mio Einwohner und im Umland leben auch noch einmal ein paar hunderttausend Einwohner. 2009 hatte Wien ca. 4,4 Mio Gäste-Ankünfte.
Alles zusammen hätte die Facebook-Fanpage von Wien eine an Wien interessierte Zielgruppe von ca. 6,8 Mio Menschen (im Jahr 2009). Da scheinen mir 88.320 Fans etwas mickrig.
Aber ich kann diesen 88.320 Fans über meinen Facebook-Account eine Einladung zu meiner Grillerei schicken (siehe oben) – das ist dann wiederum etwas viel.

Noch ein Beispiel, wie mit Zahlen umgegangen wird: Verkauf von Banner-Werbung
Eine Online-Plattform, auf die ich nicht näher eingehen möchte, verkauft Bannerwerbung auf ihrer Seite. Ich, selbst Plattform-Betreiber, finde das OK – wenn die Zahlen passen. Diese Plattform wirbt ohne Zugriffszahlen, aber mit einer „potenziellen Zielgruppe” von geschätzten 10 % der österreichischen Gesamtbevölkerung = ca. 800.000 Menschen. Das bedeutet aber noch nicht, dass die geschätzten 800.000 Menschen diese Plattform kennen. Was wiederum bedeutet, dass mit Zahlen geworben wird, die Nonsens sind. Meine eigene Zielgruppe sind alle, die Veranstaltungen organisieren: Kann ich deshalb mit über 8 Mio. Österreichern werben, nur weil alle irgendwann Geburtstag haben? …Und das ist kein geschätzter Wert.

Ich könnte noch Millionen Beispiele aufzählen. ;-)

Scherz beiseite, ich würde mir wünschen, dass in Zukunft wieder verstärkt auf seriöse Zahlen-Qualität als auf Zahlen-Quantität gesetzt wird. Ein Bagger-Geschäft macht auf der Mariahilfer Straße wahrscheinlich viel weniger Sinn als im weniger dicht besiedelten Floridsdorf, obwohl auf der Mariahilfer Straße sicher viel mehr Menschen unterwegs sind. Der Verkauf eines Baggers bedeutet allerdings auch eine Probefahrt, das nehme ich zumindest an. Und das wird in der Gegend um die Mariahilfer Straße etwas schwierig.
Also viele Menschen bedeutet nicht automatisch einen tollen Umsatz.

In diesem Sinne: Nieder mit der Zahlen-Verschmutzung!



8 Kommentare RSS 2 zu Kommentaren abonieren

  1. webfee , am 02.08.2010 um 11:42

    Danke für die sommerliche Erfrischung – die Grillerei scheint´s, ist ein guter Aufhänger für wirklich gute Blogs ;-)
    Heute auch in einem Blog folgendes gefunden:
    http://blog.profil.at/index.php/michaelnikbakhsh/der-konzern-dein-facebook-freund
    Tja, allein im ersten Absatz Ihres Blogs entlarven Sie mit einem Schlag die Mobilisierung über social networks … vor allem aus der kommerziellen Perspektive: ich will meine Zielgruppe erreichen, die sollen was kaufen oder zumindest gutes über mich reden, mit mir in Kontakt treten, kommunizieren usw. usf.
    Gute Beispiele sind aber vor allem die Mobilisierungen im NICHT monetären Bereich: Lichterkette rund ums Parlament, Ziegelstein, Getränke im MQ etc. – da liegt meiner Meinung nach die Stärke der – im wahrsten Sinne des Wortes – social networks; Bewegungen zu initiieren, die ihre Chance über die schnelle Verbreitung nutzen, um so eine Größe zu erreichen, um erst recht über die klassischen Medien und deren Kanäle (Online, Print etc.) eine breite Masse zu informieren.

  2. Martin Benkovics , am 03.08.2010 um 09:42

    Ja, ja die Grillerei. Da kommen die wirklich guten Ideen ;-)
    Lichterkette, Ziegelstein ect. sind sehr gute Beispiele für Virale Effekte.
    Dabei wird allerdings nicht in´s “Blaue” geschossen, sondern jeder der bei diesen Aktionen dabei sein will, kann sich sehr gut damit identifizieren.
    Da gibt es keine “Wischi-Waschi” Aussagen um es jeden recht zu machen.
    Das ist der große Unterschied zu Fernseh-, Print- oder Radio-Werbung.
    …Und, dass mir der Ziegelstein kein Parteiprogramm “verkaufen” will hilft natürlich auch. ;-)

  3. Michael , am 04.08.2010 um 11:01

    Guter ehrlicher Beitrag! Wir beschäftigen uns bei knallgrau intensiv mit dem Measurement und der Analyse von Social Media Maßnahmen. Welche Kennzahlen relevant und aussagekräftig sind, ist in diesem “jungen” Medienbereich noch sehr oft Definitionssache – trotzdem bieten Soziale Medien um einiges genauere und vor allem granulare Aussagen über Potenzial und Wirkung einer Aktion, als viele klassische Medien.

    PS: Bilder von Menschenmassen sind nach Duisburg kein guter Eyecatcher… wirkt beim Skimmen des Artikels irreführend – ging mir genauso hier: http://facebookmarketing.de/zahlen_fakten/facebook-nutzerzahlen-im-august-2010

  4. Martin Benkovics , am 04.08.2010 um 12:50

    Das sehe ich auch so. Social Media bietet unglaubliche Möglichkeiten um zu erfahren was meine Kunden möchten, oder was sie stört – obwohl das schon wieder ein etwas “abgelutschter” Satz ist.
    Das “Problem” sind die Entscheider die 100.000 Fans haben wollen, aber nicht wissen wieso irgendwer Fan werden soll = Aufgabe der Agenturen das klar zu stellen.
    Alles noch ein bisschen im Umbruch.
    Irgendwann werden´s schon draufkommen, dass das Soziale Netz aus vielen einzelnen Menschen besteht und nicht aus Zahlen.

    PS: Bild – ich muss gestehen, dass ich mir nur oberflächlich Gedanken über die Bilder mache. Mir geht´s mehr um den Text. Ich werde mich bessern. ;-)

  5. Clara Roth , am 10.08.2010 um 18:01

    sensationell erheiternder und ernüchternder Beitrag … Großes Danke. ich hab auch manchmal das Gefühl, dass sich hier die Agenturen einfach übertrumpfen wollen und dabei in nahezu lächerlicher Manier.

  6. Martin Benkovics , am 16.08.2010 um 12:13

    Großes Danke für das “Sensationell”!

  7. Martin Benkovics , am 01.09.2010 um 17:37

    Das http://smarter-ecommerce.com/blog/artikel/infographic_-_facebook_in_oesterreich/ habe ich soeben gefunden.
    Mehr Wiener auf Facebook als als in Wien!
    Das wäre ein tolles Argument für alle Social Media Berater – “Stellen Sie sich vor: Sie erreichen mehr Wiener auf Facebook als in ganz Wien – da müssen Sie dabei sein!”

  8. access 2010 - Kongresse Tagungen und Incentives | LOCATION - EVENTS - BLOG - platzpirsch , Trackback am 08.10.2010 um 09:20

    [...] Mit mir haben die meisten über Social Media und dabei hauptsächlich über Facebook gesprochen. Marina Müllner vom Weingut Leo Hillinger ist ein absoluter Facebook-Fan, bei Frau Schmollgruber scheint das auch der Fall zu sein. Ich mag Facebook nicht und glaube auch nicht an dieses “500 Millionen = Zielgruppen“-Märchen. [...]

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