Journalistinnenkongress, Tag 1
geschrieben am 09.10.2008 um 20:03 von Karin Schuh in der Kategorie Allgemein, Events, Journalismus, Karriere, Politik, SonstigesHeute ging der erste Tag des bereits 10. Journalistinnenkongress im Wiener Haus der Industrie über die Bühne. Viele Vorträge, viele Infos, viele Themen, viele Meinungen. Dennoch, die Wörter Familie, Kinder, Schulen fielen verdächtig oft. Wen wundert’s, wer war nochmal für so was zuständig …
Besonders interessant fand ich den Vortrag von Sibylle Hamann, die unter dem Titel “Miese Tricks und dreiste Lügen – warum Frauen nicht nach oben kommen” ihre zehn Lügen vorstellte (nachzulesen im “Weißbuch Frauen/Schwarzbuch Männer”, das sie gemeinsam mit Eva Linsinger publizierte).Viele dieser Lügen kennt frau (“in Österreich ist es eh nicht so schlimm”, “das muss an den Frauen liegen”, …). Einen Ansatz fand ich dennoch sehr interessant, und zwar die 9. Lüge “man kann nicht beides haben”. Die Autorin meinte, das gelte nur für Frauen und ließ das Stichwort Anwesenheitsfetischismus fallen. Immer erreichbar, Meetings nach dem offiziellen Dienstschluss und die wirklich wichtigen Infos erfährt man sowieso nur beim Stehachterl… Das arbeitet gegen die momentane Lebenslage vieler Frauen (siehe oben, welche Wörter verdächtig oft gehört wurden). Andererseits: Bei Männern dürfte das kein Problem sein, meint Hamann und spricht die Doppelfunktionen vieler Männer an (z. B.: Doppelherausgeber).
Unabhängig von der noch nicht ganz erreichten Geschlechtergerechtigkeit, denk ich, ist der Anwesenheitsfetischismus einfach ein gutes Stichwort, das zum Nachdenken anregen sollte und auch deutlich macht, dass sich die Arbeitswelt wieder mal in einem Wandel befindet …
Aber zurück zum Journalistinnenkongress. Auch die Männer sollen nicht zu kurz kommen und werden hier erwähnt. Immerhin hatten sie heute auch ein paar schlaue Statements abzugeben. So etwa der Männerforscher Erich Lehner, der da meint: Um Geschlechtergerechtigkeit zu erlangen, braucht es nicht nur Förderung der Frauen (oder zumindest Chancengleichheit für Frauen), sondern auch eine Änderung des Männerbildes. Ja, stimmt.
Und zu guter Letzt, zwar wieder ein Mann (es sei mir verziehen, ich mach da keine Unterschiede, Hauptsache der Inhalt stimmt): Oscar Bronner, bei dessen Medium es ja mit der Geschlechtergerechtigkeit ganz gut klappt, meinte: Wenn etwas nicht passt, soll man/frau es ändern!

Auch das Thema “Karrierewege der Medienfrauen” war durchaus interessant – vor allem das Statement von Christian Rainer vom profil (www.profil.at) stach mir ziemlich ins Herz; seiner Auffassung nach müssen Frauen, die Karriere machen wollen und nicht irgendwann zu einer Entscheidung Familie oder Karriere gezwungen werden wollen, sich “eben” den richtigen Mann aussuchen. Einen auf den man sich verlassen kann, der einen unterstützt… ich persönlich glaube nicht, dass das der Weisheit letzter Schluss ist. Für mich klingt das eher nach einer Ausrede und nicht nach einem produktiven Lösungsansatz. Denn der Subtitle sagt: einer der beiden Partner muss zurückstecken, um das Thema “Familie” realisierbar zu machen. Ich möchte aber dennoch auch die Arbeitgeber und die Politik nicht aus der Pflicht entlassen… schließlich müssen diese auch das karrierefreundliche Umfeld schaffen.
Obwohl ich es genieße, interessante Frauen zu treffen, sah ichwieder einmal, dass wir keine Fortschritte erzielt haben – im Gegenteil! Die Einkommensschere klafft noch weiter auseinander, Spitzenpositionen sind wie gehabt in Männerhand, vor allem in der Wissenschaft und der Politik (der magerste Frauenanteil im Parlament seit Jahren…)
Die meisten RednerInnen haben die Knackpunkte klar erkannt und ausgesprochen: Eine Frauenquote (selbstverständlich bei gleicher Qualität) muss her, das Halbtagsschulsystem verhindert erfolgreiche Frauenkarrieren und wir müssen weiterkämpfen – freiwillig werden die Männer nichts hergeben! Mein Tipp: Statt Frauenförderung sollten wir auf Chancengleichheit pochen – klingt besser und wird von den Männern vermutlich eher akzeptiert werden. Außerdem kommen Frauen als diskriminierte Gruppe meist in einem Atemzug mit Kindern, SeniorInnen, Tierschutz oder dergl. vor – das mißfällt mir schon lange. Gender Mainstreaming ist mehr als Frauenförderung, die ohnehin nicht passiert…
Liebe Frau Dr.in Brigitta Krupitza,
ich fand schon, dass es bei dem Kongress einen Fortschritt gegeben hat- das Publikum war bunt gemischt und es ist allen wieder einmal ein bisschen klarer geworden, dass es hier noch viel zu tun gibt. Ich persönlich bin GEGEN eine Frauenquote, weil sie immer einen gewissen Zwang und eine damit verbundene Hilflosigkeit vermittelt. Viel wichtiger wäre eine Chancengleichheit, die allerdings die größere Herausforderung – weil freiwillig – wäre. Quoten kann man prüfen und einfordern.
Ich glaube auch, dass es wichtig ist, dass Frauen, die auf dem Weg nach oben sind, nicht wie Männer zu denken beginnen, sondern weiterhin den klaren Blick auf die Qualität und Leistung behalten.
MFG Clara Roth
In einer Familie mit Kind(ern) zeitgleich zwei berufliche Karrieren zu verwirklichen, ist tatsächlich schwierig, und ich befürchte Herr Rainer hat recht.. einer von beiden muss seinen Fokus auf die Familie richten, zumindest für einige Jahre (etliches ist nicht zu delegieren.. abendliches Vorlesen, nächtliches Handhalten, Termine beim Kinderarzt… ) . Das heisst nicht “zuhause bleiben” , aber es heisst, dass man nicht 60 Stunden pro Woche arbeiten kann, dass man manchmal frei nehmen muss und hin und wieder Hals über Kopf aus einer Besprechung stürzt, weil dem Kind in der Schule schlecht geworden ist.
Angesichts dieses Dilemmas verzichten viele Paare auf Kinder.. das verschärft wiederum die Situation, weil Unternehmen noch weniger veranlasst sind, sich familienfreundlich zu organisieren.. es gibt ja kaum Kinder.
@Frauenquote: stelle ich mir in der Praxis schwierig zu realisieren vor.. wir würden bei OTS gerne mehr Männer einstellen… aber es finden sich nicht genug. Die PR Branche ist überwiegend weiblich…müssten wir eine “Männerquote” erfüllen, wäre das ein echtes Problem.