Volksbefragung: Wien will es wissen 2010 – Eine Marketingaktion
geschrieben am 04.02.2010 um 13:43 von Emanuel Maxl in der Kategorie Allgemein, Medien, Politik, SonstigesDieser Tage bekommen die Wienerinnen und Wiener ein A4 Kuvert der Stadt Wien per Post zugestellt. Inhalt: Ein amtlicher, persönlicher Stimmzettel für eine Volksbefragung. Wien will es wissen 2010. Aber was? Ein wesentliches Qualitätskriterium von seriösen Meinungsumfragen ist die Formulierung der Fragen in einer Art, die neutral ist und nicht Antwortalternativen von vornherein nahe legt. Die fünf - im Zuge diese Volksbefragung gestellten - Fragen, und insbesondere die Einleitungstexte für jede dieser Fragen, weisen aber deutliche Anzeichen von suggestiven Frageformulierungen auf.
Suggestivfragen werden dabei als Fragen verstanden, die den Befragten, unabhängig von der tatsächlich vorhandenen Antworttendenz, zur Bevorzugung einzelner möglicher Antwortalternativen gegenüber anderen veranlasst. Die vorgelegten Fragen sind eben nicht-neutral, sondern im Sinne des Absenders formuliert. Aus meiner Sicht liegt hier keine faire, sachliche, neutrale Volksbefragung, sondern eine Werbeaktion der politischen Entscheidungsträger in Wien vor.
Worin liegt nun der suggestive Charakter der Fragen?
Frage 1 handelt von Hausbesorgern. Fragen, die mit „Sind Sie dafür, dass..“ legen die Antwort „Ja“ nahe. Korrekt wäre die Ergänzung der Frage mit: „…oder sind Sie nicht dafür.“, um die Antwortalternative „Nein“ gleichwertig zu vermitteln.
Dies betrifft auch die Fragen 2 (Ganztagsschule), 4 (U-Bahn) und 5 (Kampfhunde). Interessanterweise ist die Frage 3 anders formuliert: „Soll in Wien eine Citymaut eingeführt werden?“ Möglicherweise ist hier die Ja-Tendenz nicht erwünscht.
Ganz klar wird der tendenziöse Charakter der Aussendung bei den Einleitungstexten: Frage 1 wird durch einen Verweis auf eine Entscheidung eingeleitet, die zu einer Zeit passierte, als der politische Opponent in der Bundesregierung war (Text: „Im Jahr 2000 wurde durch den Bundesgesetzgeber die Möglichkeit abgeschafft, Hausbesorger/innen anzustellen. Eine bundesgesetzliche Neuregelung ist seither nicht zustande gekommen“).
Weiters wird vermittelt, dass es Anstrengungen gegeben hat, Hausbesorger/innen einzustellen, diese aber auf Grund des Widerstandes anderer, erfolglos gewesen sind. Die Stadtregierung macht damit – zusätzlich zur Bewerbung ihrer Bemühungen - ihre Position klar und ist nicht mehr neutral. Dem Antwort-Gebenden wird somit indirekt die Wahl zwischen dem Standpunkt der Verantwortlichen in Wien (Zustimmung) oder Ablehnung desselben überlassen. Damit ist die Entscheidung auf ein anderes Niveau gehoben, als die pure Sachentscheidung „Hausbesorger: Ja bzw. Nein“. Darüber hinaus wird transportiert, für mehr Sicherheit und Ordnung - welche Hausbesorger mit ermöglichen - in den Wohnhäusern Wiens sorgen zu wollen. Durch die hohe Relevanz des Themas „Sicherheit“ im Wiener Wahlkampf, wurde vermutlich nicht von ungefähr diese Frage an die erste Position gereiht.
Frage 2 handelt von Ganztagsschulen. In der Einleitung erfolgt der Hinweis auf „Internationale Studien, die zeigen, dass die Ganztagsschule der entscheidende Erfolgsfaktor für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie darstellt sowie das Bildungsniveau der Bevölkerung deutlich hebt“. Der Verweis auf diese Studien fehlt. Wer möchte nicht, dass Beruf und Familie erfolgreich vereinbar und das Bildungsniveau deutlich gehoben wird? Auch hier wird die Position der Verantwortlichen von vorne herein transparent: Ganztagsschulen sind die bessere Wahl. Sachliche und wissenschaftliche Belege, oder zumindest einen Hinweis auf entsprechende Studien bleiben die Initiatoren schuldig.
In Frage 3 wird – wie bereits erwähnt - im Gegensatz zu Frage 1 und 2 offensichtlich ein „Nein“ erwartet. Im Begleittext ist von „einigen Großstädten“ die Rede, die „zur Bewältigung des innerstädtischen Verkehrs eine Einfahrtsgebühr für das Stadtzentrum eingeführt“ haben (wird hier an die Wettbewerbsmentalität der Wienerinnen appelliert? Wien ist anders?). Aber Wien hatte „in den letzten Jahren“ eine andere, erfolgreiche Lösung: „In Wien konnte durch die Verkehrspolitik (Ausbau öffentlicher Verkehr, Parkraumbewirtschaftung, Wohnsammelgaragen, Ausbau Radwegenetz) in den letzten Jahren der Autoverkehr in der Stadt deutlich reduziert werden.“ Der Text ist eine Selbstdarstellung der eigenen Aktivitäten und damit unverkennbare Werbung für die Stadtregierung. Warum – wenn nun diese Aktionen so erfolgreich sind – sollen die Wiener/innen dann über eine weitere Maßnahme abstimmen? In diesem Satz wird verschlüsselt gesagt: Wir haben eine bessere Lösung als die anderen Städte und brauchen eine Citymaut daher nicht. Dies ist damit ebenfalls keine sachliche Einleitung für eine unabhängige Befragung.
Auch Frage 4 startet mit der scheinbaren Feststellung eines Faktums („In Wien fahren täglich Nachtbusse von 0:30 bis 5:00 Uhr.“), welches sich jedoch als verdeckte Erklärung einer Leistung der Stadt Wien präsentiert. Der Hinweis auf die hohen Kosten („Ein 24-Stunden-U-Bahn-Betrieb am Wochenende (Freitag und Samstag) kostet pro Jahr 5 Millionen Euro“) und die Drohung „und bewirkt veränderte Fahrtrouten der Nachtbusse an Wochenenden“ drängt den Teilnehmer geradezu in die Richtung „Nein“.
Der Einleitungstext in Frage 5 entpuppt sich genauso als Hinweis auf Erreichtes der Stadtregierung: „Der Hundeführerschein ist eine fundierte Ausbildung…“. Tatsächlich ist hier auf den ersten Blick eine Beeinflussung in die eine oder andere Richtung nicht offensichtlich (verpflichtender Hundeführerschein). In der Wortwahl der Frage wird jedoch die raffinierte Intention des Absenders offensichtlich. „Kampfhund“ ist ein aggressiver, negativ besetzter Begriff. Unter dem Eindruck vergangener, medial präsenter, Unglücksfälle durch diese Hunde, scheint eine Zustimmung bei dieser Frage durchaus von den Machthabern in Wien gewünscht zu sein.
Die Initiatoren der Befragung scheinen somit nicht so sehr an der tatsächlichen Meinung der Bevölkerung interessiert zu sein. Vielmehr hat die Befragung offensichtlich in erster Linie die Ziele, vergangene Maßnahmen der Stadtregierung zu bewerben, die aktuellen eigenen Positionen zu vermitteln und sich - subtil - von anderen politischen Ansichten abzugrenzen.
Insgesamt finde ich es erschütternd, wie ein demokratiepolitisches Instrument in dieser Weise für die eigenen parteipolitischen Interessen zweckentfremdet und darüber hinaus die Glaubwürdigkeit der wissenschaftlichen Meinungsforschung untergraben wird. Ich werde diesen Stimmzettel aufbewahren. Als eindrucksvolles Beispiel dafür, wie man Bürger-Befragungen für Eigenwerbung missbrauchen kann und Menschen suggestiv beeinflussen möchte.

Danke! Dieses Statement von dieser Stelle ist wichtig und sollte weit verbreitet werden.
Unabhängig jeder parteipolitischen Position ist die rhetorische Gestaltung dieser “Volksbefragung”, die vor allem noch dazu mit ebenso tendenziösen Plakaten um SEHR viel Geld begleitet wird, tatsächlich erschütternd. Denn sie entlarvt die Angst der Politiker vor einer wahrhaften Kommunikation UND ihre Macht diese zu vermeiden - beides genau die Gründe, warum sich immer mehr von der Politik abwenden.
Die “Befragung” leistet damit einen höchst soliden Beitrag zur weiteren Politikverdrossenheit der Bevölkerung – gegen die es sich scheinbar wendet.
Rhetorik hat eben doch viel mit Wahrheit zu tun (http://www.ots-blog.at/allgemein/rhetorische-kommunikation). Ich werde mir den Stimmzettel ebenfalls aufheben. Als eindrucksvolles Beispiel für schlechte öffentliche Rhetorik.
Denn dieses Schuss geht - langfristig gesehen - in die andere Richtung.
Ich wundere mich wirklich darüber, dass jemand einen Vorschlag macht an so eine Frage ein “… oder sind Sie nicht dafür?” anzuhängen. Mehr Verwirrung könnte man dann wohl für die anzukreuzenden Möglichkeiten nicht schaffen.
Was die Hausbesorger betrifft, so würde ich sagen, dass man den Leuten schon erklären muß, was das mit Wien zu tun hat, weil die Leute ja damals dabei waren, als vom Bund das abgeschafft wurde. Die Frage ist eher, warum man den Leuten nicht gleich gut erklärt hat, wie das gehen soll, dass Wien nach 10 Jahren etwas macht, was der Bund vor 10 Jahren abgeschafft hat. Sind die Kompetenzen dafür vom Bund zum Land gewandert? Das wäre interessant.
Am Ende (inkl. Nacht-U-Bahn, die man wohl mit Ja beantworten wird, weil’s klug wäre das zu haben) wird sich natürlich herausstellen, dass die Mehrheit der Ergebnisse mit der Position der Stadtregierung übereinstimmen (eine Stadtregierung, die keine eigene Position hätte, wäre auch zum Wegwerfen). Aber ich denke es ist mal schlau die Leute einzubinden und ihnen auch klar die Option zu geben, denn ein Teil dieser Fragen wird am Ende Geld kosten und es ist klug, das die Leute zu fragen. Sie sollen nämlich auch wissen, dass ihr Geld (und es ist ja das Geld der Leute und nicht das der Stadt) für etwas verwendet wird, das sie wollen.
Danke für die Analyse der Rhetorik.
Was mir - wie so oft in Österreich - fehlt, ist die differenzierte und sachliche Diskussion zu den Themen. Bei der Beantwortung der Fragen kommt bei mir in allen Fällen ein “ja, aber …” oder “nein, aber …”
Diese Fragstellung ist eine ziemlich plumpe Reduktion auf Zustimmung oder Ablehung der Wiener Stadtpolitik.
Als jemand, die sich demokratischen Prozessen nicht verweigern will habe ich ein Problem zu enscheiden, ob ich teilnehmen werde oder nicht.
Als Informationsdesignerin ist es für mich erschreckend, dass keinerlei Anstrengungen unternommen werden, um die Entscheidungsfindung der Bürger/-innen sinnvoll zu unterstützen.