29.03.2010 | 11:04 AM | Kategorie:
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PR by Friends?

„Wie stark sind in diesem Bereich Ihre persönlichen Journalistenkontakte? Wie gut kennen Sie die Chefredakteurin/den Redakteur …?“ Für viele Unternehmen sind das entscheidende Gretchenfragen an eine neue PR Agentur: Die soll doch bitte mit möglichst allen wichtigen Journalisten ihrer Branche auch persönlich befreundet sein. Schließlich ist das eine wichtige Basis für eine erfolgreiche PR, wie wir doch alle wissen … (zwinker ;)))

„Ja, wir verfügen über die besten Beziehungen zu allen für Sie wichtigen Medien“, lautet demnach gebetsmühlenartig die Standardantwort der Agenturen. Ein näherer Blick lohnt sich.

Ist es österreichisch? Dass wir Leistungen weniger vertrauen als Verhaberungen? Und davon unabhängig: Wie wichtig sind die persönlichen Beziehungen zwischen PR Agenturen und Medien/Journalisten für eine gute PR tatsächlich?

Meine schnelle Antwort: Sie sind weniger wichtig als die meisten glauben. Was man oft besser nicht laut sagt. Zu groß ist die Enttäuschung.  Und zu schnell ein eigener Netzwerkmythos damit möglicherweise entzaubert.

Als wir beispielsweise mit unserer Agentur vor etlichen Jahren einen Neukunden in der medizinischen Branche gewonnen hatten, besaßen wir im Gegensatz zu unseren Vorgänger-agenturen überhaupt kein Medien-Netzwerk im Bereich Medizin. Es war in einem Monat aufgebaut und wir fuhren in diesem Jahr (und auch im nächsten) die – evaluiert – besten PR Ergebnisse ein, die diese bedeutende Fachgesellschaft seit ihrem langen Bestehen je hatte. Weil, bei aller Bescheidenheit, von allen Seiten hervorragend gearbeitet wurde. Erfahrungen in die andere Richtung – mäßige PR Erfolge bei bestem persönlichen Netzwerk – besitze ich übrigens auch.

Natürlich sind Netzwerke und Beziehungen in der Agenturarbeit oft sehr hilfreich und wichtig. Vor allem in Krisen und Ausnahmefällen. Aber nicht im „Daily PR-Business“. Und das ist und bleibt für die allermeisten, nachhaltigen PR Erfolge immer noch das Entscheidende. Denn ich kann als Agentur nicht nach jeder Presseaussendung den befreundeten Chefredakteur anrufen und nach jeder PR Aktivität persönliche Freundschaften und Beziehungen für eine Medienresonanz bemühen. Ganz im Gegenteil. Die würden dabei sehr rasch ihr Ende finden.

Es wird immer Teil der Agenturarbeit bleiben, den „PR Tanz der Penetranz“ auf glatten Redaktionsparketten thematisch so hinzulegen, dass er im Rahmen des Wohlgefallens und interessierter Aufmerksamkeit bleibt. Zu dabei nervenden Praktiken mancher Agenturen (vgl. dazu auch jüngst Clemens Coudenhove: „Geraunze über das immer gleiche PR-Spiel“ im Horizont) sollte am besten einmal ein eigener Benimm-Elmayer für PR Agenturen geschrieben werden.

Für eine gute PR erfolgsentscheidend bleiben vor allem wirksame Themenaufbereitungen und ein medial gekonntes Zuarbeiten. Was nach meiner Erfahrung auch einem neuen Selbstbild von Agenturen und Journalisten entspricht. Vor allem bei Vertretern der jüngeren Generation, die mit zu viel Nähe, Filz und Verhaberungen in ihrem Beruf nur allzu gerne aufräumen. Und dabei trotzdem offen bleiben für persönliche Beziehungen. Weil sie diese in ihrer Arbeit ohnedies kaum berücksichtigen.

Gute Arbeit und eine respektvoll professionelle Distanz in der Zusammenarbeit zwischen Agenturen und Medien erweisen sich deshalb weit gewinnbringender als unangenehme Schulterpracker und forcierte Freundschaftsdienste.

Und Unternehmen wären gut beraten, stärker auf die Qualitäten ihrer Kommunikationsarbeit zu setzen und zu vertrauen!

29. März 2010, 05:42

wie wahr, wie wahr – und obendrein: würde man einen privaten Kontakt andauernd wegen beruflichen Dingen anrufen, würde dieser sehr darunter leiden. Würde man einen geschäftlichen Kontakt ständig wegen breuflichen Angelegenheiten kontaktieren, verliert man sehr schnell an Glaubwürdigkeit.
mir gefällt der Satz sehr gut: „Für eine gute PR erfolgsentscheidend bleiben vor allem wirksame Themenaufbereitungen und ein medial gekonntes Zuarbeiten.“ – je schwächer die „Geschichte“, desto besser muss die Aufbereitung sein.
MFG Clara Roth

30. März 2010, 11:51

Es ist und bleibt eine der größten Herausforderungen im Umgang mit JournalistInnen die goldene Mitte zu finden. PR Verantwortliche können, wenn Sie zu eindringlich vorgehen, dem Unternehmen nachhaltig schaden.

31. März 2010, 09:46

@ eliane: danke für den letzten satz. wie wahr: eifer kann qualität nie ersetzen!
übereifer sie sogar zerstören …

28. Mai 2010, 04:11

Ich kann Ihnen nur voll und ganz zustimmen. Der Generationenwechsel wird hoffentlich noch mehr in dieser Hinsicht bringen. Denn die alten Seilschaften von diversen Habakuks, die lang und breit beschworen werden, letztlich dann aber wenig bis gar nichts bringen, sind sattsam bekannt. Wie hat es ein gescheiter Mensch einmal auf den Punkt gebracht? „Qualität ist die härteste Währung“…;-)

12. Juni 2010, 12:28

Bestätigt auch meine Erfahrungen. Danke für den Beitrag, lg DL

6. September 2010, 06:35

Sehr interessanter Beitrag.
Kann nur zustimmen

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