04.10.2010 | 11:58 AM | Kategorie:
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Gibt´s in der Online-Redaktion keine Journalisten?

Letztens war ich mit meiner Cousine in einer dieser neuen coolen Lokale am Wiener Naschmarkt. Auf ein gemütliches Bierchen, Mini-Familientreffen sozusagen. Meine Cousine kann man durchaus als Internet-affine Person bezeichnen, die als Grafikerin jeden Tag mit Computer und Internet zu tun hat. Ihr Freund arbeitet bei einer großen Online-Zeitung, deshalb führten wir bald eine rege Diskussion über Print- und Online-Journalisten (offenbar gibt es da Unterschiede), über Blogs, Facebook und Twitter.

Journalist ist nicht gleich Journalist – hab ich gelernt. Das ist nicht überraschend, es ist ja auch nicht jeder Tischler gleich Tischler oder Kellner gleich Kellner. Unter manchen Journalisten dürften allerdings Grabenkämpfe entstanden sein. Was eher etwas mit dem Medium, bei dem sie beschäftigt sind, zu tun hat, als mit der Qualität der abgelieferten Leistung.

Als Nicht-Journalist sollte ich vielleicht keine Meinung dazu haben, als Konsument und Freund der „schnellen“ Medien hab ich sie allerdings sehr wohl.

Als Konsument möchte ich zum Beispiel möglichst schnell und genau über Events informiert werden. Deshalb ein kleines Beispiel, wie ich die Österreichischen Medientage erlebt habe:
Ich hatte dieses Mal leider keine Zeit zu den Medientagen zu gehen, deshalb war ich teilweise via Twitter dabei.
Alles, was journalistischen Rang und Namen hat, war präsent und diskutierte (auch) über Internet und Social Media.
Frank Schirrmacher widmete seinem Vortrag den Titel „New Media“ und kreidete unter anderem die „Gratis-Blog-Gesellschaft“ an, die den Journalisten die Preise ruinieren (hier geht’s zum Video http://www.horizont.at/service/horizont-tv.html mit YouTube wäre das unkomplizierter).

Ich glaube nicht, dass sich viele Blogger als Journalisten sehen und wenn, dann sollten sie dieses Fach auch gelernt haben. Ich meine auch nicht, dass viele Blogger einfach nur so, ohne Ziel, ihre Meinung einer breiten Öffentlichkeit mitteilen. Für meine OTS-Blog-Einträge bekomme ich kein Geld von APA-OTS. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass ich nichts davon habe, Beiträge für die APA-OTS zu schreiben. Und wenn es nur das „blöde“ Gesicht meiner alten Deutsch-Lehrerin ist, die sicher heute noch der Meinung ist, dass ich keinen geraden Satz zusammenbringe. 😉

Zu Schirrmacher gab es auf jeden Fall viele unterhaltsame Tweets.

Hier ein paar Beispiele zu Schirrmacher:

@quadres „#schirrmacher na bumm: wischt #google und #blogger gleich mit einem Atemzug weg. #mt10″

@mzaustria „Twitterer, Facebooker, Onliner, Social-Media-Gamer, jetzt heißt es tapfer sein: Frank Schirrmacher mit seiner Keynote. #Printleben #mt10

Dann diese Meldung:

@lena_d „Eder gibt zu Blogger zu kaufen (pst darf aber nicht rauskommen) #mt10″ (Anmerk. Hannes Eder von Universal)

Also doch.

Die ganze Veranstaltung wurde, je nach dem, wie interessant die Vortragenden oder Diskussionsrunden waren, mehr oder weniger intensiv via Twitter übertragen. Das kann natürlich kein Ersatz für einen tatsächlichen Besuch der Medientage sein, hat aber einen großen Unterhaltungswert.

Was hat das jetzt mit Journalismus und dem „Kampf“ zwischen den Medien zu tun?

Ich möchte informiert werden, aber wie, das suche ich mir selbst aus. Über Twitter kann ich mir zum Beispiel einen tollen Überblick verschaffen, wie die Stimmung während der Veranstaltung ist; Kontakt zum Moderator aufnehmen und vielleicht direkten Einfluss auf die Veranstaltung nehmen – wenn Twitter beachtet wird. Über Google finde ich Blogs von den interessantesten Twitterern zu der Veranstaltung und lese die Meinungen der Blogger, die niemandem verpflichtet sind. Zu guter Letzt lese ich auch noch den einen oder anderen Artikel einer Zeitung (online oder offline – ist mir egal).

Ich glaube einen eigenen Begriff für den Online-Journalisten sollte es nicht geben, denn der Konsument – also ich – sucht sich die Quellen ohnehin je nach Laune aus.

Hier noch der „Am Punkt“ Tweet:

@labelskills #mt10 „in Kommunikation denken und nicht in Medien“ 😉

Eine kleine konstruktive Empfehlung für alle die Events planen. Aminado hat eine eigene Studie über Events und die Twitternutzung während eines Events veröffentlicht.
Die Studie kann kostenlos angefordert werden: http://www.amiando.com/SocialMediaStudie.html

4. Oktober 2010, 01:52

…danke für diesen Beitrag, der mich dazu veranlasst, umfangreich zu ergänzen (höchst subjektiv, natürlich!):
Internet nicht als Medium sondern als „Kanal“ bzw. als Tauschbörse für Informationen zu begreifen ist ein Zugang, der mir beispielsweise sehr gut gefällt. Was mir an der ganzen Diskussion (auch während der Medientage) außerdem ein bisschen fehlt, ist, die Diversität der Medien deutlich zu machen; ein Magazinjournalist hat ganz andere berufliche Herausforderungen zu bewältigen als ein Online-Journalist, eine Tageszeitungsredakteurin bearbeitet Themen ebenso unterschiedlich und eine VJane hat berufsbedingt einen eigenen Blickwinkel auf die Erfordernisse ihrer journalistischen Arbeit.
Kann man nicht einfach mal klipp und klar sagen: alle haben ihre Berufsberechtigung! ? Wieso müssen sich Kolleginnen und Kollegen gegeneinander ausspielen (lassen), nur damit die „Krise“ in den Medien noch größer geredet wird, als sie ohnehin ist – ein Auszug aus dem bekannten Register an Sagern in den letzten Monaten/Jahren: im Internet wird für content nicht bezahlt, Online-Journalisten liefern keine Qualität, Qualitätsjournalismus ist ohnehin tot, Zeitungen werden sterben – lässt sich beliebig fortsetzen… – meiner Meinung nach sind alle Ansätze, die sich auf diese Litanei verkürzen lassen bis dato nicht zielführend, denn: jedes Medium und jede Art der Informationsverbreitung hat eine ganz spezifische Qualität, die sich durch keine andere ersetzen lässt – man stelle sich vor, alle rund um Hypo & Co aufgedeckten Machenschaften als 140Zeichen tweet zu bekommen! Oder die lustigen Verschachtelungen rund um den Eurofighter-Kauf inkl. Lobbyisten, Beteilgte, Briefkastenfirmen, etc. auf eine anklickbare Dia-Show zu verkürzen – wohl eher nicht, daher: Wer ist meine Zielgruppe, was will ich vermitteln, wofür steht mein Medium und wie verdiene ich Geld damit?
Ich finde aber sehr wohl, dass es ein entscheidendes Kriterium für alle gibt: das ist schlicht und ergreifend journalistische Qualität und Glaubwürdigkeit – woher ich meine Informationen beziehe (für die ich gerne bereit bin zu zahlen, wohlgemerkt! Von nix kommt nix!), ist meine Sache, aber ich möchte vor allem, dass die stimmt – gut recherchiert und gut „konsumierbar“ – egal, welche Plattform ich dafür in Anspruch nehme.

4. Oktober 2010, 08:18

Danke, liebe webfee, für deinen leidenschaftlichen Kommentar, der die Sache auf den Punkt bringt! Brauch ich also nicht an meiner Daseinsberechtigung (ich bin eine qualitätsbewusste Bloggerin, jawohl!) zweifeln … 😉

6. Oktober 2010, 11:20

Sehr schöne Ergänzung – vielen Dank webfee – „journalistische Qualität und Glaubwürdigkeit“ – genau!
Dieser „Kampf“ wird sich früher oder später von selbst erledigen, denke ich.
Spätestens wenn die sogenannte Generation Y „Digital Natives“ das Ruder übernimmt.

17. November 2010, 11:30

Journalismus hat für mich nichts mit dem Medium zu tun. Die Nachricht ist es, die zählt.
Die großen Magazine (Print) veröffentlichen in der Regel die gleichen Themen auf ihrer Homepage oder diskutieren im Blog. Ob die Journalisten zu Beginn planten, der Artikel müsse auf ein Medium beschränkt werden? Wohl nicht.
Blogs gehören für mich auch zum Journalismus. Zumindest, wenn auch Recherche im Spiel war. Und wo Leser sind existiert auch eine Daseinsberechtigung für den Schreiber 😉

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