08.07.2013 | 5:05 PM | Kategorie:
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Vom Konsumenten-Gefühl unfähig zu sein

Milch bis zur Maximum-Marke hineingeschüttet, auf Start gedrückt, voller Vorfreude auf einen cremigen Macchiato-Schaum. Nach rund 1,5 Minuten die Enttäuschung. Oje, die Crema verteilt auf der Arbeitsplatte und entlang der Außenseite des Geräts. Kurzer Ärger, in der Anleitung nachgelesen, dann war es da: das Gefühl der Unfähigkeit. Am falschen Strich orientiert, es gibt noch einen zweiten Richtigen, aber leider kaum erkennbaren. „Dann müssen Sie halt genauer hingucken“ trällert mir der Entwicklungsingenieur in meiner Vorstellung ins Ohr und ich ertappe mich bei einem leisen „Entschuldigung“.

Seit 18 Jahren an den Windows-Start-Button links unten trainiert. Jetzt weg, weil die neue Version viel innovativer, Touch trendy und Kacheln sowieso, man/frau muss ja mit der Zeit. Und die Mehrheit der Maus-Arbeiter, die keine Touchscreens nutzen? Sorry, halt old-school, umlernen und nicht jammern. Mobile-Banking-Daten über Sicherheitslücke gehackt? Selber schuld. Eigenverantwortung ist angesagt. Warum keinen Virenscanner am Smartphone installiert? „Wie kommt’s, dass wir uns als IT-Weltkonzern um die Sicherheit jedes Einzelnen kümmern sollen, was für uns zählt ist primär der App-Umsatz“. Was läuft da falsch, wo liegt der Fehler? In den Augen einer selbst-ernannten Innovatoren-Elite ist die Sache klar: Deren Genialität wird undankbar missachtet und partout nicht verstanden. Wer die Nutzung nicht schafft ist einfach zu doof. Doch Halt. Es ist an der Zeit sich zu wehren und deutlich auszusprechen: Nicht wir sind inkompetent, sondern ihr seid rücksichtslos. Ihr seid so von euren Ideen und Designs überzeugt, dass ihr auf uns – die Anwender und Konsumenten – vergesst!

Ich will mich nicht laufend an neue Geschäftsmodelle und deren Produktumsetzungen anpassen. Als Verwender erwarte ich mir Respekt und Rücksichtnahme auf meine Situation. Meine Erfahrungen, Einstellungen, Wünsche und Fähigkeiten, die ich gerne bereit bin zu erweitern, wenn ich einen gegenseitigen Gewinn sehe. Echtes Bemühen und Verständnis für meine Bedürfnisse möchte ich honorieren, autoritären Technologie-Imperialismus zukünftig vermeiden.
Dabei wäre es nicht schwer in den Dialog mit Kunden zu treten. Vor Beginn einer Entwicklung, um die Ausgangssituation zu lernen, später, damit die Tauglichkeit von Prototypen und schließlich von finalen Produkten überprüft wird. Der Software-Konzern hat es mittlerweile erkannt. Benutzer gingen auf Distanz. Mit Version 8.1 kommt der Start-Knopf zurück. Wer war nun tatsächlich unfähig?

Zur Person:
Emanuel Maxl ist Geschäftsführer von Context-Research, Markt- und Meinungsforschung, Vorsitzender des VMÖ – Verband der Marktforscher Österreichs und ESOMAR Repräsentant. Er lehrt an der WU Wien am Lehrgang Markt- und Meinungsforschung und an Fachhochschulen Markt-, Mediaforschung und neue Methoden. Er ist seit über 20 Jahren in der Marktforschung tätig und arbeitete in deutschen und österreichischen Instituten und Forschungseinrichtungen. Sein Psychologie-Studium hat er in Graz absolviert und an der TU Ilmenau im Bereich Medienwissenschaften zu mobilen Forschungsmethoden promoviert.

Website: www.context-research.at

31. Juli 2013, 08:46

In jungen Jahren habe ich mich auch über die ältere Genearation amüsiert, wenn diese mit dem PC oder anderen Alltagsdingen überfordert waren.
Aber in unserer immer schneller werdenden Gesellschaft erwische ich mich immer mehr, dass auch ich mit der Entwicklung nicht mehr immer Schritt halten kann.
Und das schon mit 35 Jahren. Wie wird das nur einmal mit 60?

27. August 2014, 08:26

Wirklich ein toller Artikel. Ich bin Mitte 20 und habe auch das Gefühl Aliens zu beobachten wenn meine Eltern am PC sitzten.
Ich glaube eigentlich, dass ich als „Digital Native“ nicht in diese Schiene fallen werde – aber wer weiß das schon… 🙂
Bisher habe ich nicht das Gefühl, dass mir die jüngeren einen Schritt vorraus sind – ich hoffe, dass das auch mit 60 noch so ist! 🙂

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